Für den Erhalt der Gebäude des Theaters Bonn – Denkmalschutz der Stadthalle Bad Godesberg respektieren

Die „Gemeinsame Stellungnahme“, die wir hier wiedergeben, wurde initiiert vom Regionalverband Bonn/Rhein-Sieg/Ahr im Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e.V., Mitunterzeichner sind Bürger.Bad.Godesberg e.V., Rettet die Amerikanische Siedlung Plittersdorf e.V. und die Werkstatt Baukultur Bonn. Der Text wurde vorgestellt am 1. Oktober 2018 im Rahmen des Bonner Baukultur-Salons Nr. 6 im Trinkpavillon an der Stadthalle Bad Godesberg.

 

Im Zuge der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Bonner Theaterspielstätten fordern wir eine Entscheidung für Variante 1 oder 2 des vorliegenden Gutachtens der actori GmbH – also den Erhalt und die Sanierung von Schauspielhaus und Oper. Damit wäre dann auch der Weg frei für eine Instandsetzung und Aufwertung des Baudenkmals Stadthalle Bad Godesberg, die im Leitbildprozess für Bad Godesberg zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger als „wichtig“ bezeichnet haben.

Das Gutachten zu den Theaterspielstätten hat die gute Wirtschaftlichkeit einer Sanierung herausgestellt. Da in bisherigen Diskussionen vor allem die angebliche finanzielle „Unkalkulierbarkeit“ gerade solcher Maßnahmen betont worden ist, sollte dieses Ergebnis jetzt auch ernst genommen werden anstatt weiterhin reflexhaft auf die Probleme mit der Beethovenhalle zu verweisen. „Bauen im Bestand“ ist eine wichtige Zukunftsaufgabe, die Erfahrungen damit werden ständig größer und auch Neubauprojekte garantieren niemals die Einhaltung der Kostenkalkulation.

Die Sanierung von stadtbildprägenden und denkmalgeschützen Bauwerken ist außerdem nie nur ein technischer Vorgang. Eine Stadt kann sie auch zu einem Projekt machen, sie positiv begleiten und damit zu deren „Neuentdeckung“ einladen – die Oper, das Schauspielhaus und die Stadthalle bieten dafür viel Potential. Das Opernhaus von 1965 ist ein markanter Baustein der Stadtsilhouette am Rhein, seiner hochwertigen Ausstattung und den Lichtinstallationen des weltbekannten Künstlers Otto Piene in Saal und Foyer müsste ein Neubau erst einmal etwas Gleichwertiges entgegensetzen. Die ehemaligen Kammerspiele sind gerade erst mit großem Erfolg als Schauspielhaus neueröffnet worden, womit auch ihre zentrale Lage mitten im Zentrum von Bad Godesberg noch einmal betont wurde. Bei der Stadthalle von 1957 ist das auskragende Vordach nur das sichtbarste Merkmal eines Bauwerks im „beschwingten Look“ der 1950er Jahre. Darüber hinaus ist die Stadthalle auch historisch bedeutend (Verabschiedung des „Godesberger Programm“ der SPD im Jahr 1959, die Aufnahme in den „Weg der Demokratie“ ist beschlossen) und sie hat „funktioniert“ – in wirtschaftlicher Hinsicht und als sozialer Treffpunkt im Stadtbezirk.

Bedenklich finden wir, welche geringe Rolle der seit 2012 bestehende Denkmalschutz der Stadthalle bei den bisherigen Überlegungen gespielt hat. Im Wissen darum, dass dieser Status in letzter Instanz auch aufgehoben werden kann, scheint der Denkmalschutz nur noch als „Hürde“ neuer Planungen zu gelten. Als das nordrhein-westfälische Denkmalschutzgesetz im Jahr 1980 in Kraft trat, war ihm aber eine langandauernde öffentliche Debatte um Geschichtsbewusstsein und auch um lebenswerte Städte vorausgegangen. Heute kommt noch die ökologische Frage dazu, gerade in der „Klimahauptstadt Bonn“: Ein Abriss ist immer eine gewaltige Vernichtung von Ressourcen und sollte nur die letzte Option sein.

Wir glauben deshalb, dass eine Sanierung von Oper, Schauspielhaus und Stadthalle sich lohnt: Sie kann Teil einer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung sein, die in Bonn auf Vielfalt und den Ausbau vorhandener Qualitäten setzt statt auf einen vermeintlichen „großen Wurf“ zu hoffen – so wie es sich eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger schließlich auch im umstrittenen Bürgerentscheid zur Bäderfrage gewünscht hat. Wenn dieser Prozess zügig und selbstbewusst umgesetzt wird, kann das durchaus zur Stärkung der Bonner Identität beitragen. Daran wollen auch wir, als in der Stadt und im Stadtbezirk Bad Godesberg engagierte Vereine und Initiativen, gerne mitwirken.

 

Lust auf Mehr

Wünschen ist erlaubt, das steht außer Frage. Auch der Wunsch nach einem brandneuen Spaßbad in Bonn ist zunächst einmal legitim, nicht wenige in Bonn hielten die Idee für reizvoll. Eine Mehrheit der Bonnerinnen und Bonner hat im Bürgerentscheid die Planung für das sogenannte „Wasserlandbad“ in Dottendorf jetzt gestoppt. Wir finden: Es war eine gute Entscheidung.

Fest steht damit zunächst allerdings nur, dass dieser Bad-Neubau nicht kommen wird. Einen Beschluss für den Umgang mit den Bonner Bestandsbädern gibt es nicht, Oberbürgermeister Ashok Sridharan sagt dann auch, für Bonn sei das nun eine „schwierige Situation“. Aber ist nicht ganz klar, was jetzt passieren muss? Auch wenn das nicht das Thema des Bürgerentscheids war: De facto ist der Ausgang ein Votum für vier Hallenbäder in Bonn, je eines pro Stadtbezirk. Deswegen müssen diese öffentlichen Einrichtungen jetzt zügig saniert, barrierefrei gemacht und aufgewertet werden.

Denn eine Festlegung auf den Status Quo war der Bürgerentscheid keineswegs. Das denkmalgeschütze Frankenbad hat noch großes Potential. Es spricht nichts gegen behutsame Erweiterungen, viele Räume im Gebäude stehen leer und der Gartenhof wartet schon lange darauf, wieder aktiviert zu werden. Erinnert sich eigentlich auch noch jemand, wie es im jetzt schon seit zwei Jahren geschlossenen Kurfürstenbad aussah? In die Schwimmhalle gelangte man über eine elegante Empore, an einem Brunnen gab es kostenloses Heilwasser, seine Bahnen zog man mit Blick auf das charmante Wandbild des Godesberger Künstlers Paul Magar. Das alles sollte jetzt wiederentdeckt werden, ein Kinderbecken und eine Gastronomie könnten dieses Angebot problemlos ergänzen – fertig wäre das „Neue Kurfürstenbad„.

Der Blick und die Kreativität, die man für dieses Vorgehen braucht, sind heute mehr und mehr gefragt. Schon vor einigen Jahren haben die französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal mit ihrer Idee für die Neugestaltung eines Platzes in Bordeaux Aufsehen erregt. Statt tatsächlich alles neu zu machen empfahlen sie, die Bausumme in die regelmäßige Pflege des Ortes und kleine Anpassungsmaßnahmen zu investieren, was dann auch geschah. Auch wenn wir als Werkstatt Baukultur überhaupt nichts gegen zeitgenössische Architektur haben kommt das unserer Vorstellung von „Baukultur“ schon sehr nahe. Wir nennen das „Putzen und Benutzen“.

Vielleicht gibt es, nachdem der intensiv ausgetragene „Wahlkampf“ für den Bürgerentscheid vorbei ist, jetzt auch wieder mehr Zeit für andere Themen. Was ist eigentlich mit der Halle des Viktoriabades samt dem beeindruckenden Kunstharzfenster? Ist die nicht schon viel zu lange ungenutzt und verdient es das inzwischen denkmalgeschützte Farbkunstwerk nicht, endlich zu einer Attraktion gemacht zu werden? Und muss nicht auch die Stadthalle Bad Godesberg denkmalgerecht fit für die kommenden Jahre gemacht werden? Uns macht das „Ja“ im Bürgerentscheid jedenfalls Lust auf mehr. Wenn es jetzt in dieser Richtung weitergeht, dann wird der 4. August 2018 in Zukunft tatsächlich ein denkwürdiger Tag sein.

 

Die Aufhebung des einheitlichen Niveaus

Ein letzter Blick: Jetzt ist es wirklich nicht mehr schön…

 

Bald ist es endlich weg, das „größte Bonner Schmuddeleck“: Der Bahnhofsvorplatz in Gestalt des „Bonner Lochs“ ist drauf und dran, endgültig zu verschwinden – dabei hätte man ihn nur nutzen müssen. Eine kleine Geschichte eines großen Missverständnisses.

Kennen Sie die „Waschmaschine“ in Berlins Mitte? Richtig, so nennt man das würfelförmige Bundeskanzleramt mit dem runden Glasfassaden-Einschnitt in der Front. Oder den „Maiskolben“ in Augsburg? Ein zylinderförmiges Hochhaus, dessen umlaufende Balkone manche an das körnige Gemüse erinnern. Und in Bonn? Dort klafft ein „Loch“. Es war einmal ein Bahnhofsvorplatz, ist als solcher aber nicht wirklich akzeptiert worden. Wie kam es eigentlich dazu?

Um unterirdisch vor dem Hauptbahnhof die künftige Stadtbahnhaltestelle anlegen zu können, war ab 1971 eine Schneise in die gründerzeitliche Baubauung geschlagen worden. Als die U-Bahn fertig war, musste die Lücke wieder geschlossen werden. Der Stadtplaner Friedrich Spengelin entwarf mit Kollegen dafür eine „Überbauung“ im Süden und eine später nicht mehr realisierte im Norden, wo heute ein Parkplatz ist. Dazwischen aber lag das Herzstück der Planung: Ein terrassierter Platz, der einerseits den Abstieg zur U-Bahn ermöglichen, andererseits aber ein neu gewonnenes Stück Stadt werden sollte.

Als „Eingangsraum“ der Stadt wurde das Ganze im April 1979 fertiggestellt, pünktlich zur Bundesgartenschau in Bonn. Entsprechend grün war es auch in den Beeten auf dem Bahnhofsvorplatz, nebenan auf dem Nordfeld stand das „Diatope“ des Komponisten und Architekten Iannis Xenakis, ein damals bahnbrechendes Multimedia-Projekt. Als nach einigen Jahren die ersten Abnutzungserscheinungen an der Platzanlage auftraten und Reparaturen nötig wurden, begann stattdessen der Rückbau. Im Brunnen sprudelte kein Wasser mehr, die pavillonartigen Gerüstkonstruktionen, die dem Platz nach Norden hin eine Form gaben, wurden nach und nach entfernt, hölzerne Sitzbänke auf den Terrassen (lesen Sie hier auch: Sitzen im Bonner Loch) abmontiert. Das „Loch“, wie wir es heute kennen, ist der Endpunkt dieser Entwicklung.

Putzen und benutzen: WERKSTATT @ Bonner Loch im August 2012

Trotzdem war der Name „Bonner Loch“ damals sofort in der Welt, sogar schon vor der Einweihung der Anlage. Wenn Architektur mit Spitznamen belegt wird – das zeigen auch die eingangs genannten Beispiele – hat das fast immer mit Abweichungen vom Erwartbaren zu tun. Irgendeine Schachtel im Gewerbegebiet – oder auch das „InterCityHotel“ hinter dem Bonner Hauptbahnhof – bekommt normalerweise keinen Spitznamen. Es muss schon etwas da sein, woran sich man sich reiben kann. Eines der ältesten geläufigen Beispiele steht seit 1911 am Wiener Michaelerplatz: Der kämpferische Reformarchitekt Adolf Loos hatte hier ein Gebäude errichtet, das ohne die damals gängigen schmückenden Giebel über den Fenstern auskam. In Wien sprach man fürderhin vom „Haus ohne Augenbrauen“.

Auch Spengelins Bonner „Loch“ brach mit den Erwartungen: Mitten im Stadtzentrum tat sich plötzlich eine Art Landschaft auf, das einheitliche Niveau der Straßen wurde aufgehoben. Vielleicht hätte man erst lernen müssen, dieses Terrain wirklich zu benutzen. Die Konzerte des „Bonner Sommers“ auf dem Bahnhofsvorplatz zum Beispiel, die es zuletzt 2010 noch einmal gegeben hatte, waren eine gute Übung darin. Doch alles in allem war die Bezeichnung „Loch“ eine selbsterfüllende Prophezeiung: Der Name, den man dem Bahnhofsvorplatz gab, nahm dessen Zukunft vorweg. Nach den „Kölner Ereignissen“ in der Silvesternacht 2015 kann man ohnehin den Eindruck gewinnen, zweckfreier öffentlicher Raum werde heute oft eher als Problem angesehen. Die Konsequenz lautet: Es gibt Kriminalität auf dem Bahnhofsvorplatz? Dann lasst ihn uns abschaffen!

Heutige Planer überlegen sich gerne selbst wohlklingende Namen für ihre Vorhaben – die „Welle“ oder der „Diamant“, die anstelle der Beethovenhalle einmal das Rheinufer zieren sollten, lassen grüßen. Das Projekt von „die developer“, das am Bahnvorplatz bald fix und fertig hingestellt werden soll, heißt „Urban Soul“. Worin dessen „Seele“ besteht, beschreibt das Unternehmen selbst im schönsten Immobilien-Sprech (Wieviele „Buzzwords“ kriegen wir in einen Satz?) wie folgt: „Das Konzept zielt auf eine nachhaltige, ganztägig lebendige und stets vermietbare Lösung in einer Bonner Top-Lage ab.“ Das Gebäude, mit dem der Bahnhofsvorplatz überbaut wird – wie weit, darüber gab es im Stadtrat zuletzt noch einige Verwirrung – nennt sich „Lifestyle House“.

Eine Bühne in der Stadt: Führung der Werkstatt am Bahnhofsvorplatz

Noch einmal eine Rückblende: Was hatte Friedrich Spengelin Mitte der siebziger Jahre im Sinn? Er wollte den Bonner Bahnhofvorplatz zu einem „öffentlichen Begegnungsraum“ werden lassen, der „gezielte und spontane Kommunikation“ ermöglichen und eine „unverwechselbare“ Charakteristik aufweisen sollte. Dafür gab es gab sogar die Idee eines Lichtspiels, mit dem der Platz zu bestimmten Zeiten, „vergleichbar den Glockenspielen in Holland“, eine besondere Attraktion erhalten sollte. Der „Klanggrund“ mit der 2010 entstandenen Sound-Installation des Österreichers Sam Auinger war ein später Nachfahre dieser Idee.

Die Bauzäune stehen jetzt schon. In Kürze wird das „Bonner Loch“ endgültig verschwunden sein, eine Kuriosität aus den Tagen der Bundeshauptstadt, an die sich kaum noch jemand erinnert. Sollten dann doch noch einmal Fragen aufkommen, was denn dieses „Loch“ eigentlich war, wird die Antwort lauten müssen: Es war eine Chance, die nicht genutzt wurde. Sie wird so schnell nicht wiederkommen.

[zuerst erschienen in Schnüss. Das Bonner Stadtmagazin, Ausgabe 05/2016]

 

 

Wo Stadtluft wirklich etwas freier macht

Mehr Grün war selten: Ein Blick in die Amerikanische Siedlung Plittersdorf.

 

Versuchen Sie es doch einmal mit einem Experiment: Fragen Sie jemand im Bekanntenkreis, ob er oder sie sich vorstellen könnte, in eine Siedlung zu ziehen, die 1951 errichtet worden ist. Wahrscheinlich wird die Antwort von hochgezogenen Augenbrauen begeleitet sein: Freiwillig in ein Wohnsilo aus den Nachkriegsjahren? Das ist doch sicher alles schnell und billig hochgezogen worden, spießig, bonjour tristesse. Mit einiger Sicherheit vorhersagen lässt sich diese Reaktion, weil Sie auf einem kollektiven Wissen aufbaut, das wir alle teilen.

Doch es wird Zeit, genau das zu korrigieren. Gehen Sie also gemeinsam in den Bonner Süden, nach Plittersdorf. Am südlichen Ende der Rheinaue zweigt nach links bogenförmig die Kennedyallee ab, nochmal nach links geht es kurz darauf in die Europastraße. Es sollte sofort auffallen, dass man hier einen anderen Teil der Stadt betritt – und einer Vergangenheit begegnet, die bisher fast nichts von Ihrer Aktualität und ihrem Reiz verloren hat.

In der „Amerikanischen Siedlung“ in Plittersdorf ist Großzügigkeit der hervorstechende Eindruck, die Weite und die Vielfalt der Bäume ist beeindruckend. Fällt der Blick dann noch auf die Stimson Memorial Chapel, könnte man endgültig meinen, man sei auf dem Campus einer amerikanischen Universität (wie dem der Highpoint University) gelandet. Errichtet wurde die Anlage zunächst für die Besatzungsmacht, für amerikanische Mitarbeiter der „Hohen Kommission“ (HiCoG). Maßgeblich geprägt hat Ihre Gestalt jedoch der Münchner Sep Ruf, der Architekt des Bonner Kanzlerbungalows. Die lokalen Gartenarchitekten Hermann Mattern und Heinrich Raderschall gaben den an sich schlichten Bauten, denen Luxus weitgehend abgeht, einen grünen Zusammenhang. Das alles gibt der Siedlung eine ganz eigene Atmosphäre und macht sie zu einem Ort mit hoher Lebensqualität.

Mit der Reutersiedlung schloss der Architekt Max Taut an die Ideale der Gartenstadt an.

So konnte also die Nachkriegszeit in Bonn aussehen? Ja, und es gibt noch mehr davon. Die Reutersiedlung wirkt, obwohl die großen Ausfallstraßen nicht weit sind, fast dörflich. Die Idee der Gartenstadt aus der Zeit um 1900 tritt hier besonders deutlich wieder zutage. Bei den HiCoG-Siedlungen in Muffendorf und Tannenbusch dominiert das moderne Gepräge einer Zeit, die von Grund auf neue Stadtvisionen zu Papier gebracht hat und sie manchmal auch realisieren konnte. Natürlich hat es seit den 1970er Jahren viel Kritik an solchen Neuplanungen „auf der grünen Wiese“ gegeben. Sie war oft berechtigt und aus ihr speisen sich auch die geläufigen Vorurteile. Bei den Bonner Beispielen aus den Fünfzigern greift das allerdings noch nicht. Sie entstanden noch vor dem Überdrehen der Bauwirtschaft und tragen jeweils eine baukünstlerische Handschrift, die ein bloßes „Quadratmeter-Denken“ gar nicht kennt. Gemeinsam ist den vier Bonner Siedlungen vor allem, dass sie (noch) nicht als Großsiedlungen geplant wurden. Der Maßstab bleibt überschaubar, die grünen Freiflächen haben klare Begrenzungen.

Dort, wo in späteren Wohnanlagen diese Eigenschaften fehlen, ist Veränderung doppelt sinnvoll. Die sogenannte Nachverdichtung, das Einfügen weiterer Bauten auf Freiflächen, kann dann klarer konturierte Räume hervorbringen und ist auch ökologisch sinnvoller, als erneut anderswo Neubaugebiete auszuweisen. Natürlich sind auch bei den Bonner Beispielen Veränderungen nicht ausgeschlossen, in Abstimmung mit dem Denkmalschutz, den alle Anlagen genießen, versteht sich. Aber ihre Qualitäten sind fragil und können auch schnell abhanden kommen. Deshalb geht es jetzt darum, sich bewusst zu machen, dass diese Wohnlandschaften nicht dem Klischee, das in allen Köpfen sitzt, entsprechen. Sie sind nicht nur eine Verfügungsmasse, sondern ein kulturelles Erbe, dessen zukünftige Bedeutung wir noch gar nicht absehen können. Oft wird heute die Frage gestellt, „wie wir eigentlich leben wollen“. Selbst wenn die Antwort nicht mehr genau die sein kann, die hier vor gut 60 Jahren gegeben wurde: Es lohnt sich trotzdem, von den alten Ideen zu wissen und auf ihnen aufbauen zu können.

Das am Anfang beschriebene Experiment muss übrigens keine Theorie bleiben: Kommen Sie am 15. Juli zum Aktionstag  „Reihenweise Kulturerbe | Bonner Siedlungen neu entdecken“, den die Werkstatt Baukultur zusammen mit den Kolleginnen und Kolleginnen der Vereine und Initiativen, die sich vor Ort für die Bonner Nachkriegs-Siedlungen einsetzen, organisiert. Es wird eine Erkundung zum Augenöffnen und auch zum Genießen.